4563 GERLAFINGEN / SO
von Peter Jordi, Gemeindepräsident – März 2006, rev. 5.2009
Historisches
Die bei Gemeinden oft als Geburtszeit verwendete erste urkundliche Erwähnung stammt aus dem Jahr 1278. Dabei handelt es sich um eine Urkunde aus dem Zisterzienserinnenkloster Fraubrunnen. Darin steht zu lesen: „Heinrich von Wiggiswyl und Anna, seine Frau, bezeugen, von der Abtei Fraubrunnen zu lebenslänglicher Nutzung zwei Schuposen zu Richerswile und zwei zu Ober-Gerolfingen nebst Aeckern und Matte zu Nieder-Gerolfingen um jährlich zwei Pfunde Wachs empfangen zu haben. 1278, Januar 21.“ Das Originaldokument befindet sich im Staatsarchiv Bern.
Man geht jedoch davon aus, dass bereits ums Jahr 500 n.Ch. die Alemannen von Norden her in die wasserreiche und fruchtbare Gegend eingewandert sind. Eine solche alemannische Sippe – mutmasslich angeführt von einem „Gerolf“ – wird als eigentlicher Ursprung angenommen.
Lange Zeit blieb es ein kleiner Bauernflecken, wo man mehr schlecht als recht um die tägliche Existenz rang. Der Entwicklungschub setzte erst 1813 ein, als Franz Peter Ludwig Leo Freiherr von Roll im Niedergerlafinger Schachen an den Ufern der Emme ein Hammerwerk in Betrieb nahm. Daraus sollte sich kurz darauf das erste Walzwerk der Schweiz und daraus letztlich das Stahlwerk entwickeln. Der Standort wurde nicht zuletzt deshalb so gewählt, weil die grossen Mengen des zur Verkohlung benötigten Holzes zu jener Zeit praktisch nur auf dem Flussweg zum Werk gelangten; die Holzkohle war lange das einzige Brennmaterial der Eisenindustrie. Die alte Dorfbezeichnung „Niedergerlafingen“ wurde übrigens bis 1939 beibehalten; seither heisst’s Gerlafingen.
Dorfidentität
Gerlafingen leitet als Geburtsort der Stahlindustrie (erstes CH-Walzwerk 1836) seine Dorfidentität von dieser Tatsache ab. Bis heute sind die Gemeinde Gerlafingen und das Stahlwerk (früher Von Roll, mittlerweile Stahl Gerlafingen AG) geradezu symbiotisch miteinander verbunden. Davon zeugen einerseits die Fabrikschlote im aktuellen Gerlafinger Briefkopf-Logo und andererseits die Walzwerker-Skulptur im Zentrum des Eisenhammer-Verkehrskreisels. Die archaisch anmutende Faszination, die einem im Stahlwerk befällt, liegt vielleicht darin begründet, dass die Nutzbarmachung der Metalle wohl eine der wichtigsten menschlichen Errungenschaften überhaupt ist.
Andere Gemeinden haben eine glorreiche historische Vergangenheit und die dazugehörenden Burgruinen, andere haben einen See und wieder andere sind blosse Schlafdörfer... Gerlafingen versteht sich nach wie vor als bedeutenden Werkort und als selbstbewusste, lebenswerte Wohngemeinde – als Industrieort im Grünen.
Geografische Lage
Von Gerlafingen aus sind die wichtigen Zentren allesamt kurzfristig erreichbar: In nur 30 Minuten ist man staunend im Berner Paul-Klee-Museum, in 45 Minuten ist die tolle Stimmung im Basler Sankt-Jakobs-Park zu geniessen und in 60 Minuten können wir im Zürcher Hallenstadion einer weltbekannten Band zujubeln. Wie die sprichwörtliche Spinne im Netz sitzt Gerlafingen bezüglich Arbeits-, Einkaufs-, Schul-, Studien- und Freizeitzentren ideal in der Mitte des Geschehens.
Der Autobahnanschluss hat – nebst seinen belastenden Auswirkungen – durchaus auch seine positiven Aspekte, wenn ein Dorf so zentral gelegen ist wie Gerlafingen.
Erschliessung
Gerlafingen ist dank des direkten A1-Anschlusses, dank des Bahnhofes der BLS-Linie Solothurn-Burgdorf-Bern und dank der halbstündigen Bus-Verbindung von und nach Solothurn sehr gut erreichbar; ebenso ist man mit diesen Verkehrsträgern auch schnell an den gewünschten auswärtigen Zielorten.
Bevölkerungsstruktur
Gerlafingen weist traditioneller Weise einen überdurchschnittlichen Anteil an ausländischer Wohnbevölkerung auf. Das nur durch die rosa Brille als reine Bereicherung zu sehen, wäre naiv und unglaubwürdig. Ebenso falsch ist aber die blosse Fixierung auf eine Zahl, einen Prozentsatz, wenn man weiss, dass man es bereits mit der dritten Generation zu tun hat. Als Industriestandort der ersten Stunde hat Gerlafingen eine lange und grosse Erfahrung darin, besonnen und gelassen mit einer vielfältig zusammengesetzten Bevölkerung umzugehen. Erste ausländische Einwohner ist man sich nämlich bereits seit 1836 gewohnt, als bei der Inbetriebnahme des damaligen Von-Roll-Walzwerkes die ersten französischen Arbeiter nach Gerlafingen gekommen sind. Bevölkerung, Behörden und insbesondere die Schulen haben sich - speziell während der letzten rund 50 Jahre - die nötige Souveränität erworben, um mit dieser andernorts noch ungewohnten Situation umzugehen. Die Herausforderung besteht darin, reflexartige Vorbehalte durch Information und durch das Erleben des guten Funktionierens abzubauen. Gerlafingen sieht sich zu Recht als Vorzeigegemeinde gelebter Integration.
Bildungswesen
Gerlafingen bietet das gesamte Volksschulangebot vom Kindergarten bis zur Oberstufe im eigenen Dorf an. Die Schule geniesst einen hohen Stellenwert und viel behördlichen Goodwill. Sie zeichnet sich durch Innovation aus und hat in vielen Bereichen die Pionierrolle übernommen. Man war Vorreiterin beim professionalisierten Deutschzusatz, bei der 5-Tage-Woche, bei den erweiterten Lernformen, bei den Schulleitungen, bei der Entlastung von Lehrerschaft und Schulbehörde durch eine hauptamtliche Schulverwaltung, bei der Einführung von ICT an der gesamten Schule (Computer-gestützter Unterricht) , beim freiwilligen Schulsport usw. Auf der Kindergarten- und Primarschulstufe gelten seit 2007 die grossen Blockzeiten und auch die Tagesschule wirft als politisches Thema bereits ihren Schatten voraus. Gerlafingen ist seit Jahrzehnten Kreisschulstandort für das 7.-9. Schuljahr und nimmt hier die Schülerschaft der beiden Nachbargemeinden Obergerlafingen und Recherswil auf.
Gewerbe/Wirtschaft
Die Bedürfnisse des täglichen Gebrauchs können im Dorf gestillt werden. Nebst den Détailhandelsketten Coop, Migros, Denner und Spar findet man beispielsweise Lädeli für Früchte, Gemüse und Obst, eine Metzgerei, eine Bäckerei, eine Drogerie, ein Elektrofachgeschäft, einen TV/Hi-Fi-Experten, einen Optikerbetrieb und zwei Topdesign-Einrichtungshäuser. Hinzu kommen diverse Restaurants, die von der Italianità über das Pub-Feeling und die gutbürgerliche Küche bis zur Spitzengastronomie allen lukullischen Ansprüchen gerecht werden. Verschiedene alteingesessene und auch neuzeitliche Handwerks-, Gewerbe- und Dienstleistungsbetriebe vervollständigen die reichhaltige Palette des Wirtschaftsangebotes.
Zusammenarbeit
Die moderne Forderung nach interkommunaler Zusammenarbeit erfüllt Gerlafingen seit Jahrzehnten. So werden die Oberstufen-Kreisschule, das solargeheizte Freibad Eichholz mit Minigolfanlage, die regionale Schiessanlage Bannholz, die Feuerwehr und auch das Zivilschutzwesen und der Krisenführungsstab partnerschaftlich zusammen mit mehreren Nachbargemeinden geführt. Seit 2009 ist die gemeinsame Sozialregion Wasseramt Süd in Betrieb und die Bereitschaft für weitere Kooperationen auch in anderen Belangen ist vorhanden. Bei all diesen Kooperationen ist Gerlafingen in der Leit-Funktion.
Naherholungsqualität
Vielfältige und schöne Naherholungsgebiete liegen direkt vor der Tür oder sind einfach – z. B. per Velo – erreichbar: Dazu gehören das eigene Freibad, der renaturierte, entschlammte Entenweiher mit Aussichtsturm, Wälder und offene Agrargebiete für Walking/Jogging/Biking. Die Flusslandschaft der Emme lädt zum gemütlichen Bräteln und zum erfrischenden Bad ein und der Altisberg eröffnet beschauliche Wandermöglichkeiten und einen schweisstreibenden Vita-Parcour. Im Dorf selber werden ehemals eingedolte Bachläufe geöffnet und renaturiert.
Kulturelles
Gerlafingen sorgt für Kultur: Seit 1972 programmiert der Kulturausschuss vielfältige Darbietungen im Bereich der Kleinkunst: Jazz-Konzerte, Auftritte von Liedermachern und Kabarettistinnen, Lesungen... sei dies im intimen, stimmigen Kulturkeller oder in grösseren Sälen oder auch einmal auf dem Dorfplatz.
Zur Kultur im weiteren Sinn gehören aber auch die zahlreichen Dorfvereine, in welchen sich von der Volleyballerin bis zum Laienschauspieler alle entfalten können. Die Leistungen der Gemeinde an all die Vereine sind nach wie vor gratis.
Gerlafingen profitiert auch von der unmittelbaren Nähe zur Kantonshauptstadt Solothurn, die bekanntlich als schönste Barockstadt der Schweiz und als Kulturhauptstadt positioniert ist. Und das zu Recht: Man denke nur an die pittoreske Altstadt, die verschiedenen Museen, die Bibliothek, das Theater, an die Filmtage, Literaturtage, ans Classic Openair ... und nicht zu vergessen, an die neue Kulturfabrik Kofmehl, welche zur Heimat der regionalen Jugendkultur geworden ist.
